Posts Tagged 'Tangolehrer'

#4 Herr Oswalds streitbare Schrift

8. Strukturverständnis fördern

Der Satz „Der Tango ist der Tanz der Pausen“ beschreibt für mich eine Essenz des Tango. Aber wie oft schaut einen eine gar nicht unerfahrene Tänzerin ratlos an, wenn man am Ende der Phrase womöglich sogar mal zwei Schläge auf den nächsten Einsatz wartet? – Macht Eure Schüler damit vertraut, daß ein Tango eben keine Dauerwurst ist, die etwa so lange dauert wie das Hintergrundgeräusch, das aus den Lautsprechern kommt. Viele von uns können kein Spanisch, und können daher die Struktur der Texte (Strophen und Verse) und ihre Korrespondenz in die Musik hinein nicht nachvollziehen. Aber das ist auch nicht nötig – wer um die Struktur der Musik weiß, weiß auch, wohin die Pausen gehören. Sicher kann man einen Kurs „Musikalität“ machen und di Sarli von d‘Arienzo und Pugliese unterscheiden lernen – wer aber kein Gefühl für die Struktur entwickelt, wird dann halt bei di Sarli, d‘Arienzo und Pugliese jeweils etwas unterschiedlich gegen die Struktur durch den Saal holzen.

9. Kreativität fördern statt behindern

Gemeinhin wird ein Tangotänzer u.a. am Umfang seiner Kreativität gemessen – und an der Frage, wie gut er seine kreativen Ideen in der Realität umsetzt. Einem Anfängerschüler, der dazu genötigt wird, vorgegebene Strukturen (=„Figuren“) zu reproduzieren, wird der Weg dahin unnötig erschwert.
Bitte, geschätzte Tangolehrerschaft: Ermutigt Eure Schüler statt ihnen Figuren vorzugeben dazu, selbst welche zu erfinden – und unterstützt sie dann dabei, diese besser umzusetzen – z.B.:
sei es, daß die Bewegungsabläufe unrund oder unbeholfen sind,
sei es, daß ein abrupter Stop nicht in die Musik paßt, weil diese grade völlig unschuldig weiterplätschert, oder
sei es, daß die Frau keine Chance hat mitzubekommen, was er eigentlich will……

Laßt die Schüler an ihrem eigenen Material arbeiten, und nicht mit Eurem – dabei kommen unglaublich interessante und kreative Dinge heraus, die auch für den Lehrer interessant sind. Wenn sich die Schüler diese dann gegenseitig zeigen und sich auch gegenseitig Verbesserungsvorschläge machen, ist der Lerneffekt für alle (inkl. Lehrer) maximal. Natürlich ist die Herstellung der bei vielen Tango-Lehrinstituten üblichen langjährigen Abhängigkeitsverhältnisse bei dieser Methode kaum möglich. Ich bin aber fest davon überzeugt, daß das zügige Vermitteln der Faszination des Tango mehr Leute anzieht und damit mehr Umsatz generiert als das stupide jahrelange Reproduzieren von Figuren, bei dem nach dem Grundkurs die Hälfte, und nach dem ersten Aufbaukurs zwei Drittel der Schüler vor Langeweile und Verzweiflung wieder abgesprungen sind.

Einführung 

1. „Argentinisch Auffordern“ - oder „cabeceo“
2. Den „Grundschritt“ ersparen
3. Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

4. Kulturelle Hintergründe des Tango erklären
5. Meinungsvielfalt respektieren

6. „Auf den Schlag gehen“ vermitteln
7. Elementares Musikverständnis vermitteln

(Ende)

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#3 Herr Oswalds streitbare Schrift

6. „Auf den Grundschlag gehen“ vermitteln

Der Verfasser hat den Eindruck, daß über die Hälfte der Tangotänzer nicht sicher „auf den Schlag“ (bzw. Grundschlag) gehen kann. Die traditionelle Tangomusik hat – für Deutsche bedauerlich – eine sehr enge Verwandschaft mit der Marschmusik, und wir haben aus gutem Grund in Deutschland seit geraumer Zeit ein problematisches Verhältnis zum Marschieren zu Marschmusik. Aber es hilft nichts: Ohne die Grundlage des „Gehens auf den Schlag“ ist kein musikalisches Tanzen möglich, der Grundschlag ist einfach der Dreh- und Angelpunkt allen tänzerisch-musikalischen Gestaltens. Anfänger, die das nicht lernen und verinnerlichen, haben es später sehr schwer, das versäumte nachzuholen. Man kann Übungen zum Gehen auf den Schlag wunderbar mit Übungen zur Struktur (Länge der Phrasen) kombinieren (s. auch Ziffer 8).

7. Elementares Musikverständnis vermitteln

Wer für zwei elementare Phänomene in der Musik Verständnis und Gespür entwickelt, hat gute Chancen, musikalisch tanzen zu lernen:
Struktur und Dynamik.
Es gibt ein paar Naturtalente, die das einfach im Gefühl haben – die meisten haben es nicht. Fast alle traditionelle, und sehr viele moderne Tangos folgen einem durch und durch europäischen Strukturkonzept:
Takte werden durch den Wechsel der Betonungen gebildet,
8 Takte bilden eine Phrase (diese hat in der Mitte eine Zäsur),
4 Phrasen bilden einen Formteil.

Praktisch allen Tangolehrern, die ich kennengelernt habe, ist diese elementare Grundlage ihres Tuns nicht vertraut.

Liebe Tangolehrer, bitte laßt Euch diese elementaren Dinge von einem Schul- oder Kirchenmusiker Eures Vertrauens gründlich erklären – die können das alle. Ihr braucht dazu nicht unbedingt einen argentinischen Bandoneonisten, der die deutschen Fachbegriffe nicht kennt und mit seiner eigenen Terminologie unter Musikkundigen dann wieder einen Haufen Verwirrung stiftet. Qualitätvolle Tangomusik reizt die Möglichkeiten der musikalischen Dynamik voll aus: Von „ruppig gerotzt“ bis zu „schmalzig geschmachtet“ gibt es die ganze Bandbreite – kaum eine Musikgattung bietet so große Kontraste auf so engem Raum. Sähe man davon je etwas auf einer Milonga? Selbst auf der Bühne ist das Differenzierungsrepertoire erstaunlich klein, lediglich die ganz Großen der Zunft demonstrieren, was möglich wäre.
Liebe Tangolehrer – bitte bemüht Euch, selbst dafür ein Gespür zu entwickeln, und vermittelt es dann Euren Schülern: Fragt sie, welche Stellen heftig sind und welche zart – und fragt sie, welche Art, Größe, Richtung Schritt dazu paßt. Und tut das immer wieder – das Gefühl dafür kann und muß man schulen, sonst entsteht es meistens nicht. Auf diesen Ebenen („Schlag – Takt – Phrase“ und „betont – unbetont“) entscheidet sich, ob jemand musikalisch tanzt oder nicht.

Einführung 
1. „Argentinisch Auffordern“ - oder „cabeceo“
2. Den „Grundschritt“ ersparen
3. Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

4. Kulturelle Hintergründe des Tango erklären
5. Meinungsvielfalt respektieren


8. Strukturverständnis fördern
9. Kreativität fördern statt behindern

(Fortsetzung und Abschluss  folgt in wenigen Tagen)

#2 Herr Oswalds streitbare Schrift

4. Kulturelle Hintergründe des Tango erklären

Man kann sich das Flehen mancher Schüler nach „Figuren“ und „Schritten“ sehr effizient vom Halse halten, wenn man sich die Zeit nimmt, den Charakter des Tango als improvisierten Tanz und dessen geschichtliche und gesellschaftliche Hintergründe zu erklären. Ein Schüler der versteht, warum das, was er beim Tango lernen soll, so ganz anders ist als das, was er aus der Schultanzstunde kennt – warum es keinen Sinn hat, Schritte beizubringen – kann es viel leichter verinnerlichen und sich aus den mentalen Einengungen der Schultanzstunde befreien.

5. Meinungsvielfalt respektieren

Für ganz viele Fragen beim Tango gibt es unterschiedliche Auffassungen – ob man mit dem Ballen oder der Ferse zuerst auftritt, wie ein Kreuz zu führen sei, ob mit dem Brustkorb oder den Schultern geführt wird u.s.w. u.s.w. Das macht einen guten Teil des Reizes des Tango aus – daß es eben kein Standard-Konzept gibt, sondern eine Vielfalt individueller Lösungen, die eine Fülle verschiedenster Personalstile bilden.
Bitte: Bereitet Eure Schüler darauf vor, daß sie mit sehr unterschiedlichen Auffassungen konfrontiert sein werden, und daß es da selten richtig oder falsch gibt. Tretet für Eure Auffassung ein und begründet sie – aber laßt durchblicken, daß auch andere (womöglich völlig konträre) Auffassungen möglich sind. Macht verständlich, daß erst durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Auffassungen zu einer Fragestellung ein individueller Stil reifen kann.

Herr Oswald zeigt aus seiner persönlichen Erfahrung als Lernender und Tanzender des Tango Argentino auf, welche Lücken im Unterricht zu einer mäßigen Qualität von Tänzern und Tanzfläche führen. Er stellt hier in mehreren Teilen Vorschläge bzw. Forderungen (je nach Lesart) an einen guten Tangounterricht vor. Tangosohle lädt zur Diskussion ein.

Einführung 

1. „Argentinisch Auffordern“ - oder „cabeceo“
2. Den „Grundschritt“ ersparen
3. Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

6. „Auf den Schlag gehen“ vermitteln
7. Elementares Musikverständnis vermitteln
8. Strukturverständnis fördern
9. Kreativität fördern statt behindern

(Fortsetzung folgt in wenigen Tagen)

#1 Herr Oswalds streitbare Schrift

1. „Argentinisch Auffordern“ – oder „cabeceo“

Wer kennt sie nicht – die verzweifelte Tanguera, die den ganzen Abend den Blick konzentriert auf den Boden heftet – und sich dann beklagt, daß niemand sie auffordert?
Und den männlichen Tango-Anfänger, der es nicht über sich bringt, auf eine wildfremde Frau mit x Jahren Erfahrung zugehen, um ihr seine rudimentären Fähigkeiten zuzumuten?
Argentinisch Auffordern ist ein zauberhaftes Gesellschaftsspiel – aber man muß die Regeln kennen und ein kleines bißchen Übung haben, sonst hagelt es Mißverständnisse. Man kann das wunderbar in einen Tangokurs integrieren: Wenn alle im Kreis um das Lehrerpaar stehen, das grade etwas vorgeführt hat, muß geklärt werden, wer mit wem die nächste Übung macht – der Standardsatz „alle Damen bitte einen Herrn weiter“ ist nicht so arg originell. Dabei läßt sich „argentinisch Auffordern“ bestens üben – und man hat eine Chance zu verhindern, daß immer die gleichen aneinander kleben.
Noch ein kleiner Hinweis: Auf der Milonga ist es eigentlich nicht notwendig, die ganze Zeit den Blick durch den Saal schweifen zu lassen. Das geeignete Zeitfenster, mit einem potentiellen Tanzpartner Blickkontakt aufzunehmen, ist in etwa das letzte Fünftel eines Stückes, bei klassischen Tangos erkennt man das oft daran, daß der Variationsteil beginnt – das Orchester in viel schnelleren Noten spielt als vorher. Ergreift man zu diesem Zeitpunkt die Initiative und schließt den Bund für die nächsten Tangos, hat man bequem Zeit, sich zu Beginn des nächsten Stückes mit dem Partner auf dem Parkett zu treffen. Bei traditionellen Milongas mit Tandas (und Cortinas) ist die Cortina der richtige Zeitpunkt.

2. Den „Grundschritt“ ersparen

Der sogenannte Grundschritt wurde dem Vernehmen nach gegen 1940 erstmals gesichtet – man kam also in Bs.As. 50 Jahre lang gut ohne ihn aus. Der Grundschritt vereinigt so ziemlich alles, was Anfängern Probleme machen kann: Er beginnt mit einem Rückwärtsschritt, er enthält eine Kreuzführung – also etwas recht schwieriges, was ein Anfänger nicht können kann (Konsequenz: Frau kreuzt automatisch), er ist ein vorgegebenes Schema, das die Kreativität einengt. Manche Tänzer schaffen es ihr restliches Leben nicht mehr, sich mental aus diesem Schema zu befreien.
Liebe Tangolehrer, laßt die Leute vorwärts laufen, laßt sie Seitschritte machen, laßt sie „auf den Schlag laufen“ üben, „Hs“ oder „Us“ oder was weiß ich üben, laßt sie stoppen – aber erspart ihnen den albernen Grundschritt, der kein einziges Problem löst – aber Berge davon erzeugt.

3.Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

Liebe Tangolehrer, bitte schärft Euren Schülerinnen sehr eindringlich ein, daß sie fast alles dürfen, aber eines auf gar keinen Fall: Ungeführt das Gewicht verlagern. Die Männerrolle ist am Anfang schon anspruchsvoll genug – da muß man einen Anfänger nicht noch damit belasten, daß er ständig ungeplante Gewichtsverlagerungen der Frau wahrnehmen und ausbügeln muß.
NB.: Das ist ein weiterer Riesennachteil des Grundschrittes: Den ungeführten, weil auswendig gelernten Gewichtswechsel am Schluß, bevor der nächste Rückwärtsschritt des Mannes kommt, kriegt man aus manchen Tänzerinnen nie mehr raus…

Herr Oswalds streitbare Schrift – Einleitung

Der Verfasser ist seit ca. 2002 Jahren regelmäßiger Gast beim Tango. Er ist Anhänger der Idee des improvisierten Tango, der sich über die Art, wie die Schritte gesetzt werden, definiert, und nicht über die Schrittfolgen.

Der Verfasser liest gelegentlich diverse Mailing-Listen und Foren und stellt dabei fest, daß es immer die gleichen Klagen über das Verhalten von Leuten – nicht nur, aber auch von Anfängern – beim Tango gibt. Nun stellt sich die Frage, woher Menschen, die neu zum Tango kommen, wissen sollen, was sich gehört, und was nicht. Wir als nicht-Argentinier sind alle Gäste in der Tangokultur, wir wachsen nicht von klein auf hinein, wie es früher in Argentinien üblich war.

Es bräuchte also „Vermittler“ zwischen dem richtigen Leben und der Tangowelt. Wer kann diese Funktion ausüben?

Meines Erachtens müßte der/die Tangolehrer(in) diese wichtige Position besetzen – er/sie hat die nötige Praxiserfahrung, und sie genießen das Ansehen und das Vertrauen der Schüler. Wenn also der Klagen über das Verhalten einiger Menschen gar viele sind – dann liegt nach Meinung des Verfassers das Versäumnis hauptsächlich bei den Tangolehrern. Sie hätten die Chance, ihren Schäfchen mehr beizubringen als ein paar Schritte – und viele nutzen diese Chance nur sehr unzulänglich. Ich würde mir von einem Tangolehrer wünschen, daß er es mir erleichtert, mich mit Freude auf einer Milonga zu bewegen. Ich hatte argentinische und deutsche Lehrer, von letzteren haben einige auch die Tangolehrer-Ausbildung an zwei renommierten Ausbildungsinstituten (Bremen und Berlin) gemacht – aber keiner hat mich auch nur einigermaßen auf das vorbereitet, was auf einer Milonga auf einen zukommt. Und die Vielzahl der Klagen ist ein Indiz, daß das Defizit nicht auf die Lehrer oder die Heimatregion des Verfassers beschränkt ist.

Wenn ein Paar auf einer gutbesuchten Milonga plötzlich einen 3 1/2 Meter langen Linear-Boleo hinlegt – wer hat ihm diesen Unsinn beigebracht?
Irgendein Tangolehrer.

Wenn ein Tänzer mit 5 und mehr Jahren Erfahrung immer noch quer zum Grundschlag der Musik durch die Gegend holpert, wessen Versäumnis ist das?

Das seiner Lehrer, die ihm offenbar nie systematisch nahegebracht haben, was der (Grund-)schlag ist, warum er wichtig ist und mit ihm nie systematisch geübt haben, daß er den Schlag auch bei komplexeren Schritten noch sicher trifft.

Wenn Männer ständig Frauen aus sichtbar intensiven Gesprächen rausreißen – und die Frauen aus Furcht vor späterem „nicht-mehr-aufgefordert-werden“ nicht ablehnen – wer hätte das verhindern können?

Tangolehrer, die in ihrem Unterricht nie mal ein paar Einheiten „Körpersprache“ und „argentinisch Auffordern“ eingebaut haben.

Es geht mir um den Anfängerunterricht – die ersten 10, maximal 20 Unterrichtseinheiten. In diesen könnte eine Grundlage gelegt werden, auf der sich Menschen auf einer Milonga unter Beachtung der ungeschriebenen Regeln sicher bewegen können. Und auch für die Lehrer wäre es so viel interessanter, Kultur zu vermitteln, und nicht nur Schritte.
In den folgenden Beiträgen, die hier in den nächsten Tage erscheinen werden, kommt der Verfasser auf ein paar Grundfertigkeiten zu sprechen, die dieser sich weitgehend ohne Anleitung mühsam aneignen musste – und er kann bei weitem nicht behaupten, der Prozeß wäre abgeschlossen…

Diese Liste ist sicher nicht vollständig, Ergänzungen wären jederzeit willkommen. Sie ist nach Schwierigkeitsgrad geordnet: Die ersten Punkte könnten im Rahmen jedes Unterrichtsstils umgesetzt werden, die letzten Punkte hingegen erforderten bei vielen Lehrern eine komplette Umstellung des Unterrichtskonzeptes.

1. „Argentinisch Auffordern“ - oder „cabeceo“
2. Den „Grundschritt“ ersparen
3. Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

4. Kulturelle Hintergründe des Tango erklären
5. Meinungsvielfalt respektieren
6. „Auf den Schlag gehen“ vermitteln
7. Elementares Musikverständnis vermitteln
8. Strukturverständnis fördern
9. Kreativität fördern statt behindern

(Fortsetzung folgt in wenigen Tagen)


… und seit wann

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