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Ausflug zur Neomilonga

Ich versuche mich heute mal auf das Glatteis der Tangoveranstaltungen mit vorwiegend nicht-traditioneller Tangomusik. Also erzähle ich von den Ausflügen zu der ein oder anderen „Neomilonga“.

Neo milonga #1
Die Musik: Viel Partymusik, Rock, R&B, Bossa, einfach querbeet von 2 Djs abgespielt. Die Musik macht Stimmung. Die Djs gehen auf den Zustand der Tanzfläche ein, das fordert Respekt von mir ab.
Die Tänzer: Ein paar Tänzer, die eine klare Bedrohung für Gesundheit ihrer Tänzerinnen und der anderen Tänzer darstellen. Ansonsten wird in Spuren ohne Gedrängel getanzt, teils sportlich, teils inniglich.
Mein Eindruck: Auch wenn kaum intime Tangobeziehungen sichtbar sind, so ist es eher der Spaß an (Tango-)party. Es wird alles mögliche getanzt und ausprobiert, ich konnte immer in einer guten körperlichen Beziehung zu meinen Tänzerinnen bleiben. Dem Liebhaber des traditionellen Tangos mögen sich die Haare aufstellen, aber der hat die Ankündigung gelesen und kommt erst gar nicht.
Beobachtungen am Rande: Knutschende Paare, auch während Ocho und Drehung habe ich ansonsten noch nie auf einer Milonga gesehen.

Neo Milonga #2
Ein Raum klassischer Tango, ein Raum Neo, so die Ankündigung. Ich tanze erstmal im „klassischen Raum“ traumhaft innigliche Runden. Ein DJ kümmert sich um den musikalischen Aufbau des Abends, wobei seine Festplatte scheinbar die gleichen Inhalte hat, wie vor zwei Jahren, als ich das letzte Mal dort war. Irgendwann wechsle ich in den Neo-Raum. Ein weißer Laptop an zentraler Stelle „kümmert“ sich um Musik. Es ist cool hier zu tanzen, mal was anderes, so mein Gefühl. Zwei Runden hinterlassen den Eindruck: Die Tänzerinnen waren dankbar für eine lebendige Tanzstange, an der sie ihre Voleos und Volcadas ausprobieren konnten. Sportlich. Die wahren Freaks analysieren ab und zu den Bildschirminhalt. Ich gehe wieder und ernte noch Kommentare á la ‚wie du gehst, hier ist doch der coole Raum, ich dachte, du bist auch cool.‘ Nein danke, bin heut so anspruchsvoll.

Neo Milonga #3
Bunt gemischte Musik, der DJ sagt was, er hätte Musik vorbereitet, irgendwas mit Frühling und Film und noch was, was ich nicht verstanden habe. Die playlists werden gnadenlos runtergeknetet, 5 Schmusefilmhits aus den 60ern am Stück, immer mehr Leute sitzen. Beschwerden seitens der Tänzer – egal, die Playlist steht, Tangosohle geht.

Neo Milonga #4
Diese Veranstaltung hieß tatsächlich „…Neomilonga“. Eine Handvoll Paare fegt zu Gotan-Ohrwürmern wild über die Tanzfläche, ein Tanzlehrer zeigt sich über die Bewegungskünste seiner Schüler entzückt, und die Zimmerlautstärke in Mittelwellenqualität scheint niemanden zu stören.
Mein Eindruck: Man offenbart gegenseitig seinen Narzißmus. Das mag gemein klingen, aber 1. nenne ich eh keine Namen und 2. gibt es diese Milonga nicht mehr.

Neo Milonga #5
Zwei Tanzräume, traditionell und alternativ. In beiden ist die Tanzfläche rappelvoll, ebenso die Sitzplätze, es gibt sowohl die Tänzer, die nur auf einer Tanzfläche unterwegs sind, die gelegentlich wechseln oder ihren Ohren etwas Abwechslung bieten wollen.

Meine Schlussfolgerung: Es gibt gute und schlechte „Neo-Milongas“, so wie auch bei tradtionellen Milongas. Die gute Musikauswahl und die Abstimmung auf die Tänzer sind letztlich entscheidend, ob eine gute Tanzveranstaltung entsteht.
Sehr angenehm: Dort, wo nicht ausschließlich traditioneller Tango aufgelegt wird, sprechen die Veranstalter nicht mehr von Milonga, sondern nennen den Abend Tangofest, Tango-event, Experimentango, Neolonga, Tanguerilla, Roter Montag. Das sollte eigentlich jeder verstehen können.
Die Tänzer auf „Neomilongas“ erscheinen mir entspannt, bewegt und spaßhafter zu sein, auf reinen traditionellen Milongas kommen sie mir ernsthafter vor. Die Möglichkeit, tänzerisch in einen Garten Eden zu treten, ergibt sich eher auf traditionellen Milongas, die Chance zu netten Gesprächen eher auf gemischten oder guten(!) Neomilongas.
Eine gute Tanzveranstaltung wird nach wie vor durch den DJ und nicht durch den Musikgeschmack gemacht.

Ein Blick hinter das Mischpult

In der Stadtbücherei lag neulich ein ungewöhnlich sperriges Buch mit dem Titel „Winterreise“auf einem Tisch. Natürlich assoziierte ich gleich die Lieder von dem Duo Wilhelm Müller/Franz Schubert – zu Recht, und es erwartete mich mehr: Zunächst drängt sich das Großformat ins Auge, der ca 1 cm dicke Fotoband (keine Seitenzahlen) mit Bildern zum Thema: Landschaft, Gesichter, verschwommen, schwarz-weiß, sepia, handgeschriebene Liedtexte. Ein paar CDs fielen mir entgegen, besagter Liederzyklus sowie Vokalwerke von Brahms, Schumann, Mahler. Eigentlich ist das ganze ein umfangreiches Booklet zu vier CDs. Ein Wagnis zweier Fotografen, mir gefällt’s, aber darum soll es gar nicht gehen.
Dieses Buch begegnete mir an einem dieser sehr kalten Januartage und ich hatte die Vorbereitung der nächsten Milonga im Kopf. Ich hörte mir daraufhin Josef Bierbichlers „Leiermann“

aus dem Film Winterreise an, seine Stimme, die so gewaltig explodieren kann, singt zerbrechlich vom Ende. Mit diesen Stimmungen machte ich mich an die Erstellung der Strukturen der Tandas und des Abends. Was am Ende der Milonga herauskam hat mich erstaunt: Es gelang mir das erste Mal eine komplette Milonga mit ausschließlich EdO-Titeln zu gestalten, dies auch noch größtenteils in gleichmäßigem, eher bedächtigem Tempo. Das wäre mir kaum passiert, wenn ich nur mit den Variablen Struktur, Abwechslung, Vielfältigkeit gearbeitet hätte, wie meistens. Es war für mich viel Stimmigkeit da und ein großer Genuss.
Die Reaktion beim Publikum war zunächst mal wie häufig, Zustimmung und Ablehnung, inhaltliche Anmerkungen, aber selten hat mich ein Danke so berührt, wie dieses: Ich durfte spüren, es hat jemand hingehört und die Stimmungen wahrgenommen. Es waren eine Handvoll, und vielleicht war es ja so, dass die Resonanzen der Winterreise einfach in der Luft lagen.


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