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Cabaceo III

Ich halte ja nur begrenzt was von solchen folkloristischen Verhaltensweisen außerhalb des eigentlichen Kontextes. Sicher, wenn zwei den Cabaceo gut und aus freien Stücken machen können, dann kann es schon schön sein. Aber das ist ja bei allem so, was man gemeinsam gut kann.

Zwei Begebenheiten
#1 Eine Tanguera schaut lange und intensiv in meine Richtung und als sie meine Augen erwischt huscht ein Lächeln durch ihr Gesicht. Ich unterhalte mich gerade und möchte nicht tanzen und die Enttäuschung lässt sie mich noch wochenlang spüren.
Interpretation: Sie hat wohl einen Cabaceo beabsichtigt. Ich wollte nicht. Und an der Reaktion sah ich, dass der Cabeceo mit klaren Erwartungen verknüpft war. Ich meine, die Chancen des Cabaceo sind genau die, ohne Schmerzen und Enttäuschungen aus einer Aufforderungssituation heraus zu gehen.

#2 Auf einer Milonga klagen einige Tangueras über die Faulheit der anwesenden Männer, fremde Tänzerinnen aufzufordern. Ein Tänzer, mit dem ich ein paar Tage später darüber spreche, erzählt von all den Körben, die er auf genau dieser Milonga schon einkassiert habe. So fordere er nur noch über Cabeceo auf und darauf ließen sich viel zu wenige Tangueras ein. Und das sei dann deren Problem.
Interpretation: Sie würden gern wollen, können aber nicht tun. Wenn sie denn nur geredet hätten.

Also gar nicht so einfach, dieses Ding. Klar, in einer Gesellschaft, die sich offensichtlich als Machokultur definiert(e), braucht man so ein strenges Regelwerk, mit dem Taktgefühl oder Knigge allein kam man nicht weit. Ich habe manchmal den Eindruck, mit strengen Regeln möchte sich mancher ersparen, ein Gefühl für die Situation zu entwickeln. Das vereinfacht in unserer chaotischen Zeit ja so einiges. Man funktioniert nach Regeln, fertig. So ne Art Rollenspiel. Mir persönlich fehlt aber die Authentizität bei dem, was ich als Cabeceo gesehen oder erlebt habe.

Die schönsten Aufforderung sind die, bei denen es einer Tänzerin und mir gelingt, innerhalb kurzer Zeit eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, die ihren weiteren Verlauf im Tanz einnimmt. Das kann notfalls auch über einen Cabaceo sein, ich selbst habe schönere Wege kennengelernt.

Ein weiterer Eindruck, so manche/r tanguero/a möchte mit seinem Wunsch nach Cabaceo Urlaubserlebnisse bzw. Heimaterinnerung lebendig werden lassen. So wie mit den Wünschen nach Cortinas oder „echtem Tango“ (betontes kurzes a und langgezogenes o). Oder literarische Umschreibungen. All das kann und will ich aber nicht bedienen und es entwickelt sich eine Abwehr gegen den Cabaceo.


Meine persönliche Linklist zum Thema sieht so aus:

https://tangosohle.wordpress.com/2010/01/22/oss-1/

http://www.facebook.com/pages/Cabeceo/123365095543?ref=nf

http://jantango.wordpress.com/2010/03/06/the-art-of-the-cabeceo/

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/04/ein-flammendes-pladoyer-fur-el-cabeceo.html

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/06/die-ersten-20-sekunden.html

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/07/cabeceo-forderliches-verhalten-von.html

http://www.tangoandchaos.org/5%20Codes/8Cabaceo.htm

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Ein Cabeceo über den Gartenzaun

Nun also wieder der Beitrag am Dienstag. Ich halte den Cabeceo für ein spannendes Thema, den ich heute in einem weiteren Beitrag beleuchten möchte. Neben dem Tango gibt es den Cabeceo auch im Fußball (v.a. dem südamerikanischen), in den kirchlichen und höfischen Kulturen der letzten Jahrhunderte sowie in der einfachen Robotertechnik, das ist schon ein weiter Bogen.

Das Wörterbuch sagt dazu „das Nicken„, und diese Kunst wird dem Hauptakteur von guten Freunden beigebracht.

Auch ohne Sprachkenntnisse dürfte das zu verstehen sein. Dies erinnert mich an die Geschichten meiner Jugend, in denen von den Cabeceos während des sonntäglichen Kirchgangs in früheren Zeiten erzählt wurde. Dies muss wohl mindestens in der Gegend von Oberbayern bis Sizilien und Andalusien Usus gewesen sein, die Kirchenschiffe waren ja nach Frauen und Männern getrennt.

Das dazugehörige Verb heißt cabecear. Auch wenn es „Leo“ mit dümpeln übersetzt, „cabecear un balon“ – einem Fußball zunicken – macht schon Sinn, wie dieser Beitrag zeigt:

Dem Fußball zunicken klingt einfach anders als köpfen, wie wir einst als Jungs sagten. Spannend ist die Vorstellung, die Energie des hier gezeigten Fußball-Cabeceos in die minimale Bewegung des Tango-Cabeceos hineinzunehmen.

Und nun zum Ingenieurwesen: Ein Bastler hat sein Robotermodell so konstruiert, dass die äußeren Bewegungsteile sich regelmäßig zunicken. Daher heißt dieses Motorenlaufmuster die „Cabeceo-Cabeceo-Konfiguration“, die „sich zunickende Steuerung“

Für die Milonga wäre das ein ziemlich verzweifelter Cabeceo und es verstößt sicher gegen die heimlichen Regeln, mit einer solchen Unbeirrtheit nach einer Tanguera zu suchen. Ich muss wohl den Lesern, die diesen Blog gefunden haben, nicht groß erklären, dass neben dem Tango der Fußball wesentlich zur argentinischen Identität beiträgt.

#1 Herr Oswalds streitbare Schrift

1. „Argentinisch Auffordern“ – oder „cabeceo“

Wer kennt sie nicht – die verzweifelte Tanguera, die den ganzen Abend den Blick konzentriert auf den Boden heftet – und sich dann beklagt, daß niemand sie auffordert?
Und den männlichen Tango-Anfänger, der es nicht über sich bringt, auf eine wildfremde Frau mit x Jahren Erfahrung zugehen, um ihr seine rudimentären Fähigkeiten zuzumuten?
Argentinisch Auffordern ist ein zauberhaftes Gesellschaftsspiel – aber man muß die Regeln kennen und ein kleines bißchen Übung haben, sonst hagelt es Mißverständnisse. Man kann das wunderbar in einen Tangokurs integrieren: Wenn alle im Kreis um das Lehrerpaar stehen, das grade etwas vorgeführt hat, muß geklärt werden, wer mit wem die nächste Übung macht – der Standardsatz „alle Damen bitte einen Herrn weiter“ ist nicht so arg originell. Dabei läßt sich „argentinisch Auffordern“ bestens üben – und man hat eine Chance zu verhindern, daß immer die gleichen aneinander kleben.
Noch ein kleiner Hinweis: Auf der Milonga ist es eigentlich nicht notwendig, die ganze Zeit den Blick durch den Saal schweifen zu lassen. Das geeignete Zeitfenster, mit einem potentiellen Tanzpartner Blickkontakt aufzunehmen, ist in etwa das letzte Fünftel eines Stückes, bei klassischen Tangos erkennt man das oft daran, daß der Variationsteil beginnt – das Orchester in viel schnelleren Noten spielt als vorher. Ergreift man zu diesem Zeitpunkt die Initiative und schließt den Bund für die nächsten Tangos, hat man bequem Zeit, sich zu Beginn des nächsten Stückes mit dem Partner auf dem Parkett zu treffen. Bei traditionellen Milongas mit Tandas (und Cortinas) ist die Cortina der richtige Zeitpunkt.

2. Den „Grundschritt“ ersparen

Der sogenannte Grundschritt wurde dem Vernehmen nach gegen 1940 erstmals gesichtet – man kam also in Bs.As. 50 Jahre lang gut ohne ihn aus. Der Grundschritt vereinigt so ziemlich alles, was Anfängern Probleme machen kann: Er beginnt mit einem Rückwärtsschritt, er enthält eine Kreuzführung – also etwas recht schwieriges, was ein Anfänger nicht können kann (Konsequenz: Frau kreuzt automatisch), er ist ein vorgegebenes Schema, das die Kreativität einengt. Manche Tänzer schaffen es ihr restliches Leben nicht mehr, sich mental aus diesem Schema zu befreien.
Liebe Tangolehrer, laßt die Leute vorwärts laufen, laßt sie Seitschritte machen, laßt sie „auf den Schlag laufen“ üben, „Hs“ oder „Us“ oder was weiß ich üben, laßt sie stoppen – aber erspart ihnen den albernen Grundschritt, der kein einziges Problem löst – aber Berge davon erzeugt.

3.Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

Liebe Tangolehrer, bitte schärft Euren Schülerinnen sehr eindringlich ein, daß sie fast alles dürfen, aber eines auf gar keinen Fall: Ungeführt das Gewicht verlagern. Die Männerrolle ist am Anfang schon anspruchsvoll genug – da muß man einen Anfänger nicht noch damit belasten, daß er ständig ungeplante Gewichtsverlagerungen der Frau wahrnehmen und ausbügeln muß.
NB.: Das ist ein weiterer Riesennachteil des Grundschrittes: Den ungeführten, weil auswendig gelernten Gewichtswechsel am Schluß, bevor der nächste Rückwärtsschritt des Mannes kommt, kriegt man aus manchen Tänzerinnen nie mehr raus…


… und seit wann

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