Archive for the 'Pisten' Category

Floorcraft und Codigos – das Verhalten auf der Tanzfläche

Ein Beitrag in einer virtuellen Diskussion um das Thema „Verhalten auf der Tangotanzfläche“ brachte es auf den Punkt: ‚In Argentinien würde man sich wohl schlapp lachen, wenn man für die wenigen einfachen Regeln diesen Aufwand an Flyern, Diskussionen, Workshops, … betreiben würde. ‚ Und in der Tat, auch ich assoziiere das aufgeregte Hin und Her eher als das Ereifern von Studienräten, als das Verstehen der Ereignisse auf der Tanzfläche.
Was es mir schwer macht darüber zu schreiben ist dieses: Beim Verhalten auf der Tanzfläche handelt es sich um non-verbale Vorgänge, die mit sprachlichen Mitteln nur andeutend erklärt werden können.
Ein in meinen Augen sicher gut gemeinter Versuch ist ein im Internet verbreiteter und beliebter Flyer. Er wendet die Idee der Straßenverkehrsregeln auf den Tango an. StVO-Tango Du sollst, du darfst nicht, etc. Wer schon mal versucht hat, sich konsequent (!) an die StVO zu halten, weiß auch um den Effekt derselben: Zustimmung bei denen, die sich sowieso schon daran halten. Negieren bei denen, die es schon immer besser wussten. Und natürlich auch dieses: Das bißchen Regelverstoß tut niemandem weh. Im Straßen- wie Pistenverkehr.

So ist auch klar, warum man immer wieder Zustimmung zu diesem Flyer und ähnlichen Beiträgen lesen kann: Es sind Gleichgesinnte, die sich beim „Gefällt mir“ treffen und verbünden, Anderstanzende, also die Regelverstoßer und eigentlichen Adressaten realisieren bestenfalls „jaja, stimmt schon“ und denken sich, mich geht das ja nichts an, schließlich tanze/unterrichte ich schon seit xx Jahren. Letzteren Halbsatz erlebe ich für Einzelne als Freibrief, unkontrollierte Rückwärtsschritte, belehrende Gespräche und anderen Blödsinn auf die Tanzfläche zu bringen. Und wie komme ich an diese gefährlichen Tänzer heran? Über Flyer, Ermahnungen o.ä.? Eher nicht.

Ich möchte mich aber nicht aufregen ohne wenigstens einen Ausblick anzubieten, der das Thema auf heitere Weise aufgreift: Aus Kanada kommt die erfrischende Idee mit Comics auf das ein oder andere Tanzverhalten hinzuweisen. Selbstredend. Ob die Zieladressaten das verstehen, sei mal dahin gestellt. Aber mir gefällt dieser leichte, frankophile Stil einfach um ein vielfaches besser als der moralinsaure Ge- und Verbotestil.
Deshalb stelle ich hier gerne ein paar dieser Bilder vor (Trouver L’erreur = Finde den Fehler)
dt= Finde den Unterschied

dt= Finde den Unterschied
Herzlichen Dank und Quelle: http://www.lespasparfaits.blogspot.ca/ bzw. LesPasParfaits bei Facebook
Les Pas Parfaits = Die perfekten Schritte

Cabaceo III

Ich halte ja nur begrenzt was von solchen folkloristischen Verhaltensweisen außerhalb des eigentlichen Kontextes. Sicher, wenn zwei den Cabaceo gut und aus freien Stücken machen können, dann kann es schon schön sein. Aber das ist ja bei allem so, was man gemeinsam gut kann.

Zwei Begebenheiten
#1 Eine Tanguera schaut lange und intensiv in meine Richtung und als sie meine Augen erwischt huscht ein Lächeln durch ihr Gesicht. Ich unterhalte mich gerade und möchte nicht tanzen und die Enttäuschung lässt sie mich noch wochenlang spüren.
Interpretation: Sie hat wohl einen Cabaceo beabsichtigt. Ich wollte nicht. Und an der Reaktion sah ich, dass der Cabeceo mit klaren Erwartungen verknüpft war. Ich meine, die Chancen des Cabaceo sind genau die, ohne Schmerzen und Enttäuschungen aus einer Aufforderungssituation heraus zu gehen.

#2 Auf einer Milonga klagen einige Tangueras über die Faulheit der anwesenden Männer, fremde Tänzerinnen aufzufordern. Ein Tänzer, mit dem ich ein paar Tage später darüber spreche, erzählt von all den Körben, die er auf genau dieser Milonga schon einkassiert habe. So fordere er nur noch über Cabeceo auf und darauf ließen sich viel zu wenige Tangueras ein. Und das sei dann deren Problem.
Interpretation: Sie würden gern wollen, können aber nicht tun. Wenn sie denn nur geredet hätten.

Also gar nicht so einfach, dieses Ding. Klar, in einer Gesellschaft, die sich offensichtlich als Machokultur definiert(e), braucht man so ein strenges Regelwerk, mit dem Taktgefühl oder Knigge allein kam man nicht weit. Ich habe manchmal den Eindruck, mit strengen Regeln möchte sich mancher ersparen, ein Gefühl für die Situation zu entwickeln. Das vereinfacht in unserer chaotischen Zeit ja so einiges. Man funktioniert nach Regeln, fertig. So ne Art Rollenspiel. Mir persönlich fehlt aber die Authentizität bei dem, was ich als Cabeceo gesehen oder erlebt habe.

Die schönsten Aufforderung sind die, bei denen es einer Tänzerin und mir gelingt, innerhalb kurzer Zeit eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, die ihren weiteren Verlauf im Tanz einnimmt. Das kann notfalls auch über einen Cabaceo sein, ich selbst habe schönere Wege kennengelernt.

Ein weiterer Eindruck, so manche/r tanguero/a möchte mit seinem Wunsch nach Cabaceo Urlaubserlebnisse bzw. Heimaterinnerung lebendig werden lassen. So wie mit den Wünschen nach Cortinas oder „echtem Tango“ (betontes kurzes a und langgezogenes o). Oder literarische Umschreibungen. All das kann und will ich aber nicht bedienen und es entwickelt sich eine Abwehr gegen den Cabaceo.


Meine persönliche Linklist zum Thema sieht so aus:

https://tangosohle.wordpress.com/2010/01/22/oss-1/

http://www.facebook.com/pages/Cabeceo/123365095543?ref=nf

http://jantango.wordpress.com/2010/03/06/the-art-of-the-cabeceo/

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/04/ein-flammendes-pladoyer-fur-el-cabeceo.html

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/06/die-ersten-20-sekunden.html

http://tangoplauderei.blogspot.com/2009/07/cabeceo-forderliches-verhalten-von.html

http://www.tangoandchaos.org/5%20Codes/8Cabaceo.htm

Keine Tanzautomaten

„Nächstes Jahr engagier ich für unseren regelmäßigen Ball echte Taxitänzer“, so flüsterte mir neulich ein Veranstalter zu. – Bitte? So ne Art Escortservice? – Natürlich nicht und er habe das auch schon mal gemacht. Eine gewöhnungsbedürftige Situation, wenn plötzlich eine Frau mit den Worten „Ich hab dich gebucht“ kommt. Zu Callboyaktivitäten sei es nicht gekommen. Natürlich nicht, wer denkt schon daran.

In der Geschichte wird von weiblichen Taxitänzern um 1900 (?) in den Academias
Qu

bzw. Peringudines berichtet.

Ein paar Tage später jedenfalls lese ich von einer „Ladiesweek“ – eine Woche Tangotechnik für Frauen -, da bietet der Veranstalter Taxitänzer für allein anreisende Tangueras an. Damit es auf den Milongas am Abend auch wirklich klappt. Klappen soll es auch auf den Ballabenden eines britischen Tangofestivals, wo frau Taxitänzer buchen konnte/kann? Anonym, diskret.
In den Diskussionen bei Kollege Cassiel macht sich Stirnrunzeln breit.
In Buenos Aires gibt es eine richtige Agentur, die Taxitänzer (und weitere Dienstleistungen) vermittelt. Von den freischaffenden Taxitänzern ganz zu schweigen.

Wer als Veranstalter oder Agentur Taxitänzer anbietet, der hat die Situation alleinreisender Tangueras im Blick: Statt Sit&Smile zu praktizieren oder mit

Muss das sein?Qu

Nie wieder Sit and Smile!


unmöglichen Tänzern zu tanzen, soll die Zeit effektiv genutzt werden, die Qualität des Abends verdichtet werden. Der Aufwand für einen Festivalbesuch, eine Tangoreise ist schließlich nicht unerheblich. Fahrt, Übernachtung, Eintritte können gut organisiert werden, da schließen Taxitänzer die Lücke der unberechenbaren Tanzzeit.

Das hat zwei Aspekte: Einerseits sind manche Tangueras warum auch immer (das ist ein ganz eigenes Thema) so verunsichert, dass sie mit der gezielten Planbarkeit von Tanzabenden einfach ein besseres Gefühl haben. Die Sicherheit, aufs Parkett zu kommen. Andererseits fehlen dann einige Aspekte des Sozialen: Spannung, Frustrations- und Glückserfahrung, Wahrnehmung des Augenblicks, sich auf Unbekanntes einlassen bekommen viel schwächere Ausprägungen. Man bewegt sich in dem Trend, Leistung zu zeigen, Zeit zu verdichten um sie effektiv und zielorientiert zu nutzen, also das, was viele in Beruf und Verein häufig erleben. Zum einerseits gehört dagegen, frau hat möglicherweise nicht nur einen guten Tänzer, sondern auch einen guten Gesprächspartner, Insider, Tangoreiseführer, Kulturvermittler.
Bucht man einen Taxitänzer, muss das peinlich sein? Oder zeigt man eher Mut? Kann man öffentlich dazu stehen?

Und wie ich so meine Gedanken mache, ob Taxitänzer wohl was Gutes oder Verwerfliches oder ob das nicht jede tanguera einfach für sich entscheiden soll, erfahre ich von der Milonga einer Tanzschule: Die Veranstalter engagieren aus ihren Kursen fortgeschrittene Tänzer. Diese haben die Aufgabe, ständig aufzufordern, auf zu lange sitzende Frauen zu achten, ein Mitleidsgefühl gar nicht entstehen zu lassen. Der „Padre Tanguero“ hinter der Bar dirigiert im Zweifel seine Jungs. Dafür gibt’s Preisnachlässe für Kurse und Milongas. Nenn sie Taxitänzer oder Eintänzer oder Kümmerer, sie treten als Tänzer auf, keiner weiß was, keiner muss sich Gedanken machen und alle sind glücklich.
Das könnte eigentlich jeder Veranstalter und sowieso jeder Verein auf die Reihe kriegen.

Taxitänzer Qu

Taxitänzer auch im Tanzsport

Der besagte Ball übrigens, für den vielleicht Taxitänzer engagiert werden sollen, hat das ach so häufige Phänomen, dass die wenigen tangueros hauptsächlich ihre bekannten tangueras auffordern. Immer mehr tangueras bleiben fern, und ob es den Ball noch gibt, bis mal Taxitänzer kommen, sei dahin gestellt.


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