Wo bleibt die Musik im Tango?

In der Anfangsphase dieses Blogs schrieb Herr Oswald über eine mangelnde Tangokultur: Kurz gesagt, bemängelte er, Tänzer wüssten nicht, wie man sich verhält und nicht, was Musik beim Tango bedeutet. Die Verantwortung hierfür trügen die Tangolehrer.
Herr Oswalds streitbare Schrift

Nach über 2 Jahren möchte ich diese Themen neu betrachten. Fairerweise kann ich nicht sagen, ob im Tangounterricht hierzulande neue Tendenzen Einzug gehalten haben, wie ich vermute, oder ob diese Feststellung an meiner veränderten Wahrnehmung liegt. Da aber dieser Blog eine kritische Würdigung aus subjektiver Sicht wiedergibt und keine objektivierbaren Vergleiche zieht, lasse ich es genau dabei stehen.

Ich möchte die ein oder andere Entwicklung schildern, wie ich sie erfahren, beobachtet oder per Werbung einfach wahrgenommen habe. Das Resultat stelle ich gleich vorab: Von einer Stagnation oder Rückwärtsentwicklung kann nicht die Rede sein. Sicher gibt es nach wie vor die Figurenunterrichter, neben ihnen haben sich aber noch andere Ansichten von Unterrichten entwickelt und teilweise etabliert. Zum einen finden langsam aber doch immer mehr Konzepte von Bewegung in den Unterricht, zum anderen wird der Unterricht musikalischer.

Im Beitrag von Herrn Oswald wurde die mangelnde musikalische Vermittlung durch Tangolehrer beklagt. Dies liegt sicher an der fehlenden eigenen musikalischen Bildung, aber auch daran, dass die Schüler gar nicht nachfragen. Man kann natürlich sagen, Musik ist so komplex, dass es zuviel ist, diese im Unterricht zu behandeln. Ich weiß nicht, wieviel Lehrer dies anders sehen, bei Liesl und Federico (Berlin) ist es jedenfalls so, dass in jeder Kursstunde nur ein Orchester gespielt wird. Und nicht nur gespielt, so nebenbei fließt die ein oder andere Information über das Orchester und die Zeit auch mit ein. So haben die Kursteilnehmer nach 10 Kursstunden quasi „nebenbei“ ein paar Grundlagen über 10 Orchester gehört. Das hätte ich mir einst auch von meinen Lehrern gewünscht.

Im letzten halben Jahr beobachte ich einen regelrechten Boom an musikalischen Tangoseminaren. Ob als Vortrag oder als eine Form rhythmisch-musikalischer Erziehung, es rührt sich was. Langjährige Enthusiasten erfahren nun ihre Bestätigung, Lehrer und Veranstalter nehmen dieses Thema plötzlich in ihr Programm auf.

Seit ca. 6-8 Jahren hält Theresa Faus ihre Vorträge über einzelne Orchester oder Musikrichtungen. Sie nimmt sich Zeit, um bei einzelnen Themen in die Tiefe zu gehen und muss dann feststellen, dass 1-2 Stunden doch nur ein kleiner Einblick gewesen sind. Nächster Vortrag beim Tangolehrertreffen in Erfurt.
Theresa Faus

Seit (?) Jahren tourt der Bandoneonist Joaquín Amenábar durch die Lande und zeigt in einem einfachen und klaren musikalischen Konzept die kleinen und besonderen Feinheiten der Tangokompositionen auf und wie diese ihren Weg vom Ohr in die Umarmung und in die Füße finden.
Joaquín Amenábar

Der Züricher Tango-DJ Christian Tobler umreißt in einem informativen und dicht gepackten 2-Tages-Vortragsgalopp die wichtigsten Eigenschaften der großen Orchester. Er begründet aus musikalischer wie aus aufnahmetechnischer Perspektive den besonderen Wert der „Epoca de Oro“.
Christian Tobler

Für einen Musikalitätsworkshop in Pforzheim durfte man Kochlöffel, Frühstücksbretter und beliebige Instrumente mitbringen um den kompositorischen Gehalt der klassischen Tangos zu erarbeiten und später in Tanz umzusetzen.
tangomedialuz

Diese genannten Musikvermittler beschäftigen sich seit vielen Jahren mit ihren Themen und erhielten anfangs wenig Resonanz bzw. Verständnis. Dass dies jetzt anders ist, freut mich sehr.
Beim Durchlesen von Workshopankündigungen habe ich den Eindruck, dass die Erwähnung von „Musikalität“ wichtig zu sein scheint. Vielleicht ist dies tatsächlich ein aktueller Nerv der Zeit.

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8 Responses to “Wo bleibt die Musik im Tango?”


  1. 1 cassiel März 1, 2012 um 09:17

    Ja, die Entwicklung von Workshops zur Musik im Tango ist sehr erfreulich. Darf ich den Link zu CT in Zürich korrigieren?

    argentango.ch Die Website von Christian Tobler und Monika Diaz aus Zürich

    Viele Grüße
    C.

  2. 2 cassiel März 1, 2012 um 09:25

    [Irgendwie hat das mit dem Link nicht funktioniert – also noch einmal…]

    Ja, die Entwicklung von Workshops zur Musik im Tango ist sehr erfreulich. Darf ich den Link zu CT in Zürich korrigieren?

    argentango.ch Die Website von Christian Tobler und Monika Diaz aus Zürich

    Viele Grüße
    C.

  3. 3 Muyserin März 1, 2012 um 10:17

    Guter Beitrag! Manches kannte ich nicht. Danke und liebe Grüße!

  4. 4 Theresa März 1, 2012 um 20:37

    Was das Bedürfnis betrifft, die Tango-Musik genauer kennenzulernen, gab es schon vor geraumer Zeit eine Nachfrage. Im Jahr 2005 habe ich eine 12wöchige Serie „Zuhören und Kennenlernen“ über die Tango-Stile im Lauf der Jahrzehnte angeboten, und da waren wirklich 12 Wochen lang jeden Montag zwischen 7 und 35 Leute da.
    Danke jedenfalls für die Erwähnung und Verlinkung!
    Theresa

  5. 5 tangosohle März 2, 2012 um 08:05

    Vielen Dank für die Korrektur, Cassiel.
    Und vielen Dank für die Erwähnung deiner damaligen Vortragsserie, Theresa. So detailliert hatte ich das nicht mehr in Erinnerung.
    Warum sind eigentlich all deine Vorträge und Vortragsreihen solche Unikate, so erscheint es mir? Als ob sie nicht wiederholbarer wären, wie ein getanzter Tango eben. So eine 12-wöchige Serie, da wäre ich gerne mal als Gast dabei (örtliche und zeitliche Pässlichkeiten vorausgesetzt)

  6. 6 Theresa März 2, 2012 um 18:15

    Ich möchte noch auf einen weiteren Kollegen aufmerksam machen: In Berlin gibt Raimund Schlie vom Mala Junta seit Jahren Seminare unter dem Titel „Hören und Verstehen“. Sein und mein Markenzeichen sind sehr ähnlich, aber unabhängig voneinander gewählt.
    Theresa.

  7. 7 Raimund Wessinger Juni 1, 2012 um 15:14

    Hallo Tangosohle,
    vielen Dank für deinen Hinweis auf unseren Musikalitäts-Workshop. Wir halten keine Vorträge über Orchester und deren künstlerische, musikalische Unterschiede. Die reine Kenntnis davon führt nicht zu einem besseren Tanz.

    Unsere Schüler sollen erst einmal lernen, differenzierter ZU HÖREN und sich kontrollierter zu BEWEGEN. Wir meinen, dass dieses ungenaue „neben dem Schlag“ tanzen schlicht ein Problem von Wahrnehmung und Kommunikation ist (Hören und Bewegen). Wir lernen, die grundlegenden Bausteine der Musik ( Schlag, Takt, Rhythmus, Melodie, Motiv usw.) zu hören und motorisch, kommunikativ „just-in-time“ umzusetzen. Diese Bausteine haben auch nix mit Tango, sondern mit Musik zu tun. Sie existieren seit dem Barock und in (fast) allen uns bekannten Musikstilen. Im Tango, im Neo, im Non. Und nichts führt am HÖREN vorbei, weil:
    Nicht jede Phrase dauert 4 Takte und nicht jeder Teil besteht aus 2 Phrasen. Das ist vielleicht in der Epoca de Oro so. Deshalb sind die Dinger ja manchmal so langweilig. Aber bereits Herr Pugliese hat seine 8 Takte auch mal aus 6 und 2 Takten zusammengesetzt. Und wenn wir nicht nur auf langweilige Tangos und gleichförmige Vals, sondern auch auf Pugliese und El Afronte, Welt-Musik und Neos „musikalisch tanzen“ wollen, dürfen wir keine Takte zählen. Es reicht, wenn wir uns auf unser Gehör verlassen.

    In den Übungen stellen wir immer die Verbindung zwischen dem Hör-Vermögen und dem Bewegungs-Vermögen her. Wer differenzierter Musik hört und lernt, sich und die Partnerin kontrollierter zu bewegen, kann „musikalisch“ tanzen. Wir hören gezielt Melodie-Linien und deren Zusammenhang mit dem Rhythmus, wir lernen, Synkopen oder Auftakte zu hören und machen hierzu konkrete Übungen. Focus ist und bleibt immer die Übereinstimmung mit dem Grundschlag der Musik.

    Herzliche Grüße
    Raimund Wessinger
    http://www.raimundwessinger.de/tangofusion/musikalität.htm
    http://www.raimundwessinger.de/tangofusion/tango_workshop_musikalität.htm

  8. 8 Reinhard Singer Februar 6, 2013 um 11:19

    Hallo,
    der Kommentar oder besser, die Beschreibung des musikalischen Unterrichtskonzeptes von Raimund Wiesinger gefällt mir sehr. Ich unterrichte seit ca. 2006 Tango in Rostock und beobachte immer wieder, wie „seelenlos“ Schritte abgetanzt werden, antrainierte Verzierungen „abgearbeitet“ werden und habe oft das Empfinden, zwischen Musik und Tanz liegen Welten. Selbst auch ein Musiker, baue ich deshalb immer wieder Übungen ein, die zunächst einmal das Hören und Empfinden der Musik schulen sollen. Theoretisches Wissen über Orchester, ihre Geschichte und die Besonderheiten ihrer Arrangements können da keine Rolle spielen, denn der intuitive Zugang zum Hören, Empfinden und dann letztendlich zum musikalischen Tanzen erfordert die Förderung unserer Wahrnehmung und der Befähigung, Klänge in Bewegung umsetzen zu können. Das ist nach meiner Beobachtung für viele eher kopfgesteuerte Menschen eine große Herausforderung, aber auch für die Lehrer, denn es müssen immer wieder neben reinen Rhythmusübungen Wege gefunden werden, eine Verbindung zwischen Emotion und Bewegung zu schulen. Das scheint mir gerade für Männer oft mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden zu sein. Ein gutes Hilfsmittel sind bildhafte Beschreibungen von Klängen der unterschiedlichsten Instrumente, z.B. für einen Klavierton das Bild eines Kometen, der einen vergehenden Schweif nach sich zieht usw..

    Bei all dem darf natürlich die Freude an der Bewegung zu zweit nie zu kurz kommen.

    Herzlichen Gruß
    Reinhard Singer


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