#1 Herr Oswalds streitbare Schrift

1. „Argentinisch Auffordern“ – oder „cabeceo“

Wer kennt sie nicht – die verzweifelte Tanguera, die den ganzen Abend den Blick konzentriert auf den Boden heftet – und sich dann beklagt, daß niemand sie auffordert?
Und den männlichen Tango-Anfänger, der es nicht über sich bringt, auf eine wildfremde Frau mit x Jahren Erfahrung zugehen, um ihr seine rudimentären Fähigkeiten zuzumuten?
Argentinisch Auffordern ist ein zauberhaftes Gesellschaftsspiel – aber man muß die Regeln kennen und ein kleines bißchen Übung haben, sonst hagelt es Mißverständnisse. Man kann das wunderbar in einen Tangokurs integrieren: Wenn alle im Kreis um das Lehrerpaar stehen, das grade etwas vorgeführt hat, muß geklärt werden, wer mit wem die nächste Übung macht – der Standardsatz „alle Damen bitte einen Herrn weiter“ ist nicht so arg originell. Dabei läßt sich „argentinisch Auffordern“ bestens üben – und man hat eine Chance zu verhindern, daß immer die gleichen aneinander kleben.
Noch ein kleiner Hinweis: Auf der Milonga ist es eigentlich nicht notwendig, die ganze Zeit den Blick durch den Saal schweifen zu lassen. Das geeignete Zeitfenster, mit einem potentiellen Tanzpartner Blickkontakt aufzunehmen, ist in etwa das letzte Fünftel eines Stückes, bei klassischen Tangos erkennt man das oft daran, daß der Variationsteil beginnt – das Orchester in viel schnelleren Noten spielt als vorher. Ergreift man zu diesem Zeitpunkt die Initiative und schließt den Bund für die nächsten Tangos, hat man bequem Zeit, sich zu Beginn des nächsten Stückes mit dem Partner auf dem Parkett zu treffen. Bei traditionellen Milongas mit Tandas (und Cortinas) ist die Cortina der richtige Zeitpunkt.

2. Den „Grundschritt“ ersparen

Der sogenannte Grundschritt wurde dem Vernehmen nach gegen 1940 erstmals gesichtet – man kam also in Bs.As. 50 Jahre lang gut ohne ihn aus. Der Grundschritt vereinigt so ziemlich alles, was Anfängern Probleme machen kann: Er beginnt mit einem Rückwärtsschritt, er enthält eine Kreuzführung – also etwas recht schwieriges, was ein Anfänger nicht können kann (Konsequenz: Frau kreuzt automatisch), er ist ein vorgegebenes Schema, das die Kreativität einengt. Manche Tänzer schaffen es ihr restliches Leben nicht mehr, sich mental aus diesem Schema zu befreien.
Liebe Tangolehrer, laßt die Leute vorwärts laufen, laßt sie Seitschritte machen, laßt sie „auf den Schlag laufen“ üben, „Hs“ oder „Us“ oder was weiß ich üben, laßt sie stoppen – aber erspart ihnen den albernen Grundschritt, der kein einziges Problem löst – aber Berge davon erzeugt.

3.Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

Liebe Tangolehrer, bitte schärft Euren Schülerinnen sehr eindringlich ein, daß sie fast alles dürfen, aber eines auf gar keinen Fall: Ungeführt das Gewicht verlagern. Die Männerrolle ist am Anfang schon anspruchsvoll genug – da muß man einen Anfänger nicht noch damit belasten, daß er ständig ungeplante Gewichtsverlagerungen der Frau wahrnehmen und ausbügeln muß.
NB.: Das ist ein weiterer Riesennachteil des Grundschrittes: Den ungeführten, weil auswendig gelernten Gewichtswechsel am Schluß, bevor der nächste Rückwärtsschritt des Mannes kommt, kriegt man aus manchen Tänzerinnen nie mehr raus…

5 Responses to “#1 Herr Oswalds streitbare Schrift”


  1. 1 tangosohle Januar 24, 2010 um 23:40

    Nun möchte ich gerne meine eigenen Anmerkungen zu diesen ersten Punkten machen. Es geht ja darum, was sollten Tangolehrer ihren Schülern in den ersten Lektionen vermitteln.
    1. Die Frage nach dem Cabaceo kenne ich aus persönlichen Gesprächen, in den letzten Monaten auch in Blogs, so im flammenden Plädoyer, bei den ersten 20 Sekunden und dem cabaceo-förderlichen Verhalten von tangueras, allesamt bei Cassiel erschienen. Die Artikel enthalten weitere Links zum Thema. Antworten. d.h. ganz persönliche Erfahrungen schildert Elbnymphe in When in Rome oder in Blackmail.
    Mit ist durchaus klar, wer einmal gute Erfahrungen gemacht hat, der möchte am liebsten, dass alle diese gleiche Erfahrung machen, man nennt das Generalisierung. Ich selbst meine, wir leben und tanzen hier als erwachsene Menschen innerhalb unseres Gesellschaftskodexes. Es ist Männern erlaubt, Frauen anzusprechen und umgekehrt, ohne argentinische Konsequenzen. Es ist nicht verboten Cabaceo zu praktizieren. Wenn auf Milongas jemand rumläuft, der keine Manieren hat, ob mit oder ohne Cabaceo, dann wird er diese solange nicht ablegen, wie er damit bestätigt wird. Beispiele sind vielen aus ihrer eigenen Szene bekannt. Ein Benimmregelwerk ändert da wenig, so fürchte ich, wohl aber selbst einmal konsequent zu reagieren. Interessant fände ich aber, den Schülern das Erlernen des Cabaceo zu ermöglichen, damit diese dann selbst entscheiden können. Und – ich habe schon gute Erfahrungen mit Cabaceo gemacht – und gute durch direkte Ansprache.

    2. Zur Überflüssigkeit des Grundschrittes kann ich nichts hinzufügen, außer dem Querverweis zu Wolfgang.

    3. Gewichtswechsel – es geht um das Gefühl für die Achse. Die eigene und die des Partners. Bei der „Achse“ geht es um ein inneres Bild des Bewegungsapparates und dieses erhält man mit viel „Basisarbeit“, worauf ich hier nicht näher eingehen möchte. Davor scheuen sich viele Tangolehrer, die ich kennengelernt habe, zum einen, da sie schlicht und einfach nichts oder nicht viel vom Körper und Bewegungsapparat verstehen. Zum anderen, da sie meinen, es sei keine Zeit für Basisarbeit, da man sonst mit dem Stoff nicht durchkäme.

  2. 2 sweti Januar 25, 2010 um 16:30

    Leider ist das Beruf der Tango(tanz)lehrer im Deutschland kein anerkanntes Ausbildungsberuf. Dem zu Folge kann sich jeder Tangolehrer nennen, der diese Tätigkeit gewärblich ausübt.
    Das Verhalten von Tangolehrer, was hier beschreiben wird, weisen nur Tangolehrer auf, die entweder keine oder eine Ausbildung bei ADTV (http://adtv-akademie.de/) hatten.
    Ich bitte Sie, im Zukunft Verallgemeinerungen zu vermeinden – es sieht peinlich aus.
    Abrazo

  3. 3 tangosohle Januar 26, 2010 um 18:42

    Vielen Dank für diesen Hinweis des ADTV, das war mir neu. Dieser Verein bietet die Ausbildung zum Tangolehrer in folgenden Zeiteinheiten an:

    1.Unterrichtstheorie -> 1 Tag
    2.Rhetorik -> 1 Tag
    3.Animation/Motivation -> 1 Tag
    4.Musik in Theorie und Praxis -> ½ Tag
    5.Bewegungslehre Tango argentino -> ½ Tag
    6.Praxis/Unterricht für Club Stufe 1 -> 4 ½ Tage

    Wenn man dem noch sagen wir mal mindestens 5-10 Jahre intensive Tanzerfahrung in verschiedenen Szenen des Tango, eine solide Grundausbildung in Musik, Bewegungslehre und Anatomie vorausfügt, dann würde ich das mal als ein interessantes Gerüst bezeichnen.
    Ich persönlich würde mich allerdings einem Lehrer mit einem solchem Ausbildungsaufwand nicht anvertrauen, dafür erscheinen mir die Ausbildungsinhalte 4-6 viel zu kurz gelehrt zu werden. Aber ich kenne nicht die Inhalte und möchte keinesfalls verallgemeinern. Ich kenne auch nicht die Struktur und Inhalte anderer Ausbildungen zum Tangolehrer, von denen es ja einige gibt.

    Grundsätzlich gilt aber wie überall: Eine gute Ausbildung produziert per se noch keinen guten Absolventen, sondern liefert nur die Voraussetzung dafür, dass dieser etwas Gutes daraus macht.

    Es ist richtig, Tangolehrer ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Eine Möglichkeit, damit umzugehen ist, Standards zu setzen, Gütesiegel, Evaluationen, was wir/viele von uns/ aus dem Beruf zur Genüge kennen. Vielleicht wird das ja auch von der ein oder anderen Einrichtung gemacht. Eine andere Möglichkeit ist, Qualität durch einen offenen Dialog zu fordern, verbunden mit dem Gedanken, irgendwo vielleicht auf Gehör zu stoßen.

    Die Ausführungen von Herrn Oswald bündeln vieles, was sich als Unmut auf Milongas immer wieder hören lässt. Und – sie haben bei weitem nicht den Anspruch vollständig zu sein, sie dürfen hier gerne erweitert werden. Ein paar Wünsche möchte ich doch haben. Zum Beispiel, dass Sabines Vorstellungen von gutem Tango viel öfters möglich sein können. Dass motivierte Anfänger nicht wieder mit dem Tango aufhören müssen, bloß, weil sie nur ungenügende Lehrer finden. Und ganz besonders die Männer.

    Sollte sich jemand aufgrund einer als verallgemeinert empfundenen Aussage getroffen fühlen, so kann ich nur sagen: Beabsichtigt ist das von unserer Seite nicht.

    Was an anderer Stelle fortgesetzt werden könnte, ist die Frage: Warum und wie wird jemand Tangolehrer?
    Herzlichst
    Tangosohle

  4. 4 Uwe Kaufmann El CHiquito Januar 4, 2015 um 23:17

    Neben ADTV Tango-Instruktor Level I („Ausbildung“ wie oben beschrieben) gibt es auch den TA-Fachtanzlehrer – Level II – dessen Ausbildung über ein Jahr geht:

    Durchführung und Inhalte
    Die Ausbildung zum „ADTV Fachtanzlehrer für Tango Argentino“ erstreckt sich über ca. 1 Jahr und wird durch die ADTV Tanzlehrer-Akademie (TLA) organisiert und zentral durchgeführt. Im Lehrgang erhalten die angehenden „ADTV Fachtanzlehrer für Tango Argentino“ 96 UE fachlichen und überfachlichen Unterricht. Die Ausbildung schließt mit einer Lehrprobe ab. Die Teilnoten der Facheinheiten werden mit der Note der Lehrprobe zu einer Abschlussnote zusammengefasst.
    Ausserdem gibt es EIngangsvoraussetzungen.

    ( http://www.wennsumstanzengeht.de/…/Infos-ADTV-Fachtanzlehrer-Tango.pdf )

    Ich will nicht für ADTV-TA-Lehrer-Ausbildung werben… möchte aber auch nichts Falsches einfach stehen lassen

  5. 5 Thomas November 28, 2016 um 10:15

    Ein Gedanke!!

    In Deutschland brauchst du einen Fahrlehrer,
    in den USA kann dir dein/e Vater/Muter zeigen wie du fährst.

    Fahren die Amis schlechter Auto?

    😉


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




… und seit wann

Januar 2010
M D M D F S S
    Feb »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Neue Beiträge gibt's per Email

Schließe dich 11 Followern an

wordpress counter

%d Bloggern gefällt das: