Herr Oswalds streitbare Schrift – Einleitung

Der Verfasser ist seit ca. 2002 Jahren regelmäßiger Gast beim Tango. Er ist Anhänger der Idee des improvisierten Tango, der sich über die Art, wie die Schritte gesetzt werden, definiert, und nicht über die Schrittfolgen.

Der Verfasser liest gelegentlich diverse Mailing-Listen und Foren und stellt dabei fest, daß es immer die gleichen Klagen über das Verhalten von Leuten – nicht nur, aber auch von Anfängern – beim Tango gibt. Nun stellt sich die Frage, woher Menschen, die neu zum Tango kommen, wissen sollen, was sich gehört, und was nicht. Wir als nicht-Argentinier sind alle Gäste in der Tangokultur, wir wachsen nicht von klein auf hinein, wie es früher in Argentinien üblich war.

Es bräuchte also „Vermittler“ zwischen dem richtigen Leben und der Tangowelt. Wer kann diese Funktion ausüben?

Meines Erachtens müßte der/die Tangolehrer(in) diese wichtige Position besetzen – er/sie hat die nötige Praxiserfahrung, und sie genießen das Ansehen und das Vertrauen der Schüler. Wenn also der Klagen über das Verhalten einiger Menschen gar viele sind – dann liegt nach Meinung des Verfassers das Versäumnis hauptsächlich bei den Tangolehrern. Sie hätten die Chance, ihren Schäfchen mehr beizubringen als ein paar Schritte – und viele nutzen diese Chance nur sehr unzulänglich. Ich würde mir von einem Tangolehrer wünschen, daß er es mir erleichtert, mich mit Freude auf einer Milonga zu bewegen. Ich hatte argentinische und deutsche Lehrer, von letzteren haben einige auch die Tangolehrer-Ausbildung an zwei renommierten Ausbildungsinstituten (Bremen und Berlin) gemacht – aber keiner hat mich auch nur einigermaßen auf das vorbereitet, was auf einer Milonga auf einen zukommt. Und die Vielzahl der Klagen ist ein Indiz, daß das Defizit nicht auf die Lehrer oder die Heimatregion des Verfassers beschränkt ist.

Wenn ein Paar auf einer gutbesuchten Milonga plötzlich einen 3 1/2 Meter langen Linear-Boleo hinlegt – wer hat ihm diesen Unsinn beigebracht?
Irgendein Tangolehrer.

Wenn ein Tänzer mit 5 und mehr Jahren Erfahrung immer noch quer zum Grundschlag der Musik durch die Gegend holpert, wessen Versäumnis ist das?

Das seiner Lehrer, die ihm offenbar nie systematisch nahegebracht haben, was der (Grund-)schlag ist, warum er wichtig ist und mit ihm nie systematisch geübt haben, daß er den Schlag auch bei komplexeren Schritten noch sicher trifft.

Wenn Männer ständig Frauen aus sichtbar intensiven Gesprächen rausreißen – und die Frauen aus Furcht vor späterem „nicht-mehr-aufgefordert-werden“ nicht ablehnen – wer hätte das verhindern können?

Tangolehrer, die in ihrem Unterricht nie mal ein paar Einheiten „Körpersprache“ und „argentinisch Auffordern“ eingebaut haben.

Es geht mir um den Anfängerunterricht – die ersten 10, maximal 20 Unterrichtseinheiten. In diesen könnte eine Grundlage gelegt werden, auf der sich Menschen auf einer Milonga unter Beachtung der ungeschriebenen Regeln sicher bewegen können. Und auch für die Lehrer wäre es so viel interessanter, Kultur zu vermitteln, und nicht nur Schritte.
In den folgenden Beiträgen, die hier in den nächsten Tage erscheinen werden, kommt der Verfasser auf ein paar Grundfertigkeiten zu sprechen, die dieser sich weitgehend ohne Anleitung mühsam aneignen musste – und er kann bei weitem nicht behaupten, der Prozeß wäre abgeschlossen…

Diese Liste ist sicher nicht vollständig, Ergänzungen wären jederzeit willkommen. Sie ist nach Schwierigkeitsgrad geordnet: Die ersten Punkte könnten im Rahmen jedes Unterrichtsstils umgesetzt werden, die letzten Punkte hingegen erforderten bei vielen Lehrern eine komplette Umstellung des Unterrichtskonzeptes.

1. „Argentinisch Auffordern“ - oder „cabeceo“
2. Den „Grundschritt“ ersparen
3. Verständnis für den Gewichtswechsel der Frau schaffen

4. Kulturelle Hintergründe des Tango erklären
5. Meinungsvielfalt respektieren
6. „Auf den Schlag gehen“ vermitteln
7. Elementares Musikverständnis vermitteln
8. Strukturverständnis fördern
9. Kreativität fördern statt behindern

(Fortsetzung folgt in wenigen Tagen)

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9 Responses to “Herr Oswalds streitbare Schrift – Einleitung”


  1. 1 Elbnymphe Januar 19, 2010 um 02:17

    Na, da habt Ihr Euch ja was vorgenommen. Ich zitiere mal diesen saubloden Spruch, der an dieser Stelle rituell in den Kommentaren auftaucht: „Ich hol‘ schon mal das Popcorn.“

    Prinzipiell finde ich die hier geäußerten Gedanken interessant, aber aufgrund des sehr unruhigen Schriftbildes ist für mich nicht völlig ersichtlich, wer hier eigentlich spricht: Einer? Zwei? Ist es ein Dialog, ein Interview? Ist es ein Pamphlet, ein Manifest gar?

    Wenn ich aus aktuellem Anlaß (diese Woche erlebt) Euren Fragekatalog um eine Frage ergänzen darf: Wie kann es sein, daß ein Tangotänzer nach zwei Jahren Unterricht noch nie die Namen di Sarli und Pugliese gehört hat?

    Und zuletzt: die Deutsche in mir guckt gerade verschämt über ihre Schulter, ob sich nicht irgendwo ein Argentinier schlapp lacht über diese Germanen, die wieder einmal alles ganz grundsätzlich angehen müssen. 🙂

  2. 2 tangosohle Januar 19, 2010 um 17:24

    Nun, da geh ich doch gerne auf ein paar Fragen ein.
    Der Text ist von Herrn Oswald, die Gestaltung von mir.
    Fragen und Antworten kommen also beide aus einer Feder. Ich sehe, das hätte deutlicher gemacht werden können. Eine andere Gestaltungsmöglichkeit wäre z.B.
    „Wenn ein Paar auf einer gutbesuchten Milonga plötzlich einen 3 1/2 Meter langen Linear-Boleo hinlegt, dann hatt irgendein Tangolehrer ihm diesen Blödsinn beigebracht“
    Ich persönlich mag keine „wenn – dann“ Konstruktionen. So also Frage und Antwort. Ich vertraue jetzt einfach darauf, dass die geschätzten Leser-/innen den Text verstehen und bei Unklarheiten nachfragen.
    H. Oswald führt also einen inneren Dialog. Ein Manifest, bewahre! Ein Pamphlet? Laut Wiki eine Schmähschrift, oh das wäre grob fehlinterpretiert!

    Und um auf deine Ergänzung des Fragenkatalogs, ich ahne Herrn Os Antwort… 🙂
    Und ja, auch ich ahne das Gesicht so manchen Carlos, Pablo oder Rodrigo, der nun die Augen hochzieht mit den Worten „Hör mal, ich erklär dir jetzt das mit dem richtigen, dem echten Tango“. Wo ist Popcorn, sagtest du? 😉

  3. 3 sweti Januar 20, 2010 um 16:51

    ja, ich lach mich schlapp über diese Germanen – wie, von mir sehr geschätzte Elbnymphe schon vermutete…
    Zwei Sachen zuerst – ich bin kein Argentinier, aber auch kein „Germane“ (was nicht schwer zu erraten ist) und ich vertrete die Leute die eine Tangolehrer-Ausbildung (Bremen) absolviert haben (wollte genossen schreiben, hab mich nicht getraut 🙂
    Ich versuche ein Paar Antworten an die (hypothetisch) gestellte Fragen zu geben:

    Wenn ein Paar auf einer gutbesuchten Milonga…
    Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, was eine Linear-Boleo ist, war das auf jeden Fall ein Tangolehrer (es sei denn, diese Paar hat so lange Videos auf YouTube geguckt bist sie dieses Schritt konnten). Na und… sind die Fahrlehrer für alle schreckliche Autounfälle verantwortlich? Irgendwie schon, aber nur hypothetisch…

    Wenn Männer ständig Frauen aus sichtbar intensiven Gesprächen rausreißen…
    Was hat das jetzt mit Tango zu tun? Oder wird hier das Tangounterricht mit ein Art „Benim-Regel-Unterricht“ verwechselt. Die Idee gefällt mir – Tango-Knigge, mich interessiert nur, wer von den Tangoanfänger beriet ist 10€ pro Stunde dafür zu bezahlen.
    Ich genieße jedes Mal diese Erklärungdrang, der bei der Tangounterricht herrscht. Hier in Westeuropa muss man einfach alles verstehen. Egal um was es geht – alles muss eine Struktur haben, alles muss beschreibbar sein. Und wenn nicht, da sind wir alle hilflos und wissen nicht weiter… Aber es gibt einen Ausweg – Schaltet euren Verstand für 3,5 Minuten aus und versucht zu fühlen. Fühlt die Musik (man muss nicht immer auf den Grundschlag tanzen), fühlt ihre Partner/in, fühlt die Leute um sich, fühlt diese „positive Energie“, die in der Raum herrscht und dann wird alles gut 🙂
    Abrazo

    • 4 tangosternchen Januar 20, 2010 um 17:53

      Wenn Du ein Tango-Lehrer sein willst, dann offensichtlich ein schlecht informierter, sonst wüsstest, welche ein Boleo gemeint ist. Diese Figur gehört zum Repertoire sehr vieler TangotämzerInnen, die mir permanent begegnen. Das spricht vielleicht auch nicht für Deine „Tangolehrer-Ausbildung“.

    • 5 tangosohle Januar 21, 2010 um 00:21

      sweti, einen linearen Voleo kannst du
      hier ganz gut anschauen. La linea = die Linie, zu erkennen z.B. bei 0:27, 0:31, etc., später kommen noch andere Figuren dazu.

      Den Vergleich mit den Fahrlehrern mag nicht ganz glücklich sein, aber warum nicht: Ein guter Fahrlehrer vermittelt den Fahranfängern ohne großen Aufwand mehr als den Prüfungsstoff, ein paar kleine Tricks eben, die einem das sichere Fahren leichter machen.

      Herr Oswald verwechselt nicht den Tangounterricht mit Knigge, er bedauert, dass das Tangoverhalten offensichtlich überhaupt keinen Platz im Unterricht hat. Und er plädiert, dass man dieses Thema eben wieder anspricht.

      Deinen Ausweg finde ich hochinteressant. Gerne würde ich mehr davon lesen.
      Grüße
      T.

  4. 6 sweti Januar 21, 2010 um 11:19

    Zwei Sachen möchte ich klarstellen – ich bin kein Tangolehrer (habe ich auch nicht behauptet, habe vor längere Zeit die Ausbildung absolviert, unterrichte ich aber nicht aktiv) und die Schrittfolge Linear-B(V)oleo ist mir bekannt – ich habe aber keine Ahnung, wie sie sich anfühlt und wie sich anfühlt, wenn ein Paar auf eine gutbesuchten Milonga sie plötzlich vorführt. Die Schrittfolge wird in meine Kreise sehr selten (wenn überhaupt) getanzt. Es ist richtig, dass ich schlecht informiert bin was neue Trends bei Tango betrifft und deswegen bedanke ich mich für das Anschaungsmaterial – die beide Tänzer (Homer und Cristina) kenne ich gut und schätze ich sehr.
    Aber, um mich geht es ja nicht. Ich wollte nur eine Berufsgruppe, die sehr viel für die Tangokultur in Europa beiträgt, in Schutz nehmen. Ja, ein Tangolehrer kann nur dass vermitteln, was man von Ihn erwartet
    und der/die Tangoanfänger(in) (die erste 10-20 Unterrichtstunden) erwartet halt Schritte und Figuren. Anderseits, kann ich die Tangolehrer verstehen, wenn sie in der erste 10 Stunden keine Märchen über alte argentnische Bräuche erzählen. Ich glaube nicht, dass ein Tangolehrer keine Warnungen ausspricht, wenn die Tangoschüler gegen die Tanzrichtung tanzen bzw. am Anfang oder nach längere Pausen mit einen Rückschritt beginnen (Schrittfolgen mit fliegende Körperteile werden in der ersten 10-20 Stunden m.E.n. nicht unterrichtet). Die Behauptung, dass in der Unterricht keine Musikalität (Tanzen auf Grundschlag) und keine Körpergefühl („mit Freude auf einer Milonga zu bewegen“) vermittelt wird, kann ich nicht folgen.
    Ich bitte die Missverständnisse, die auf Grund meine Unfähigkeit mich klar und deutlich auszudrücken entstanden sind, zu entschuldigen.
    Abrazo

  5. 7 di Sarli Januar 21, 2010 um 12:22

    @sweeti

    Deinen zweiten Beitrag fand ich deutlich gelungener, als Deinen ersten, denn ich denke, kaum jemand, der Deinen ersten Beitrag gelesen hat, hatte irgenwelche Zweidel, dass Du als Tangolehrer „unterwegs“ sein müsstest.
    Erst recht, als Du einen Vergleich zu Fahrlehrern gezogen hast! Nachdem Du erklärt hattest, dass Du die Leute „vertreten“ würdest, die in Bremen eine Tangolehrer-Ausbildung absolviert haben, hättest Du zur Vermeidung der „Missverständnisse“ gleich deutlich schreiben sollen, dass Du jedoch (momentan?) nicht
    unterrichtest!

    Deinen positiven Eindrücke von Tangounterrichtsmethoden im zweiten Beitrag kann ich nicht folgen.
    Dagegen kann ich mit Deinem Appelll am Ende des ersten Beitrages etwas mehr anfangen, da er so ein Stück weit in die Richtung des „Vermächtnisses“ von Tete Rusconi geht
    (vgl. Cassiels Tangoplauderei vom 10. Januar).

    Aber so einfach „wird nicht alles gut“, wie Du es in Deinen 1,5 Zeilen glauben machen willst. Da steckt sehr viel mehr Arbeit dahinter. Und das würde eben erfordern, dass sich auch die Tangolehrer hinterfragen.

    Einen guten Ansatz finde ich, die „Schüler“, also die Neulinge, zu fragen, wie und warum sie auf die Idee gekommen sind, ausgerechnet argentinischen Tango lernen zu wollen.
    In der Regel wird man dann (natürlicherweise) feststellen, dass die allermeisten nicht einmal ansatzweise Vorstellungen haben, was sich eigentlich „alles“ hinter dem Tango verbirgt.

    Und genau hier liegt m.E. eine Möglichkeit, Einfluss auf die „Schüler“ zu nehmen. Nicht indem man ihnen gleich mal den Grundschritt vorsetzt
    (wohlgemerkt: plakativ gemeint!), sondern z.B. einen schönen melodiösen Tango mit viel Gefühl und Sinnlichkeit als Lehrerpaar „zelebriert“ (nichtaffektiert!).

    Dann wäre man vielleicht auf dem Weg im Sinne von Tete…

  6. 8 drugs Oktober 4, 2012 um 23:03

    Pretty! This has been an incredibly wonderful post.
    Thank you for providing this information.


  1. 1 Wo bleibt die Musik im Tango? « Tangosohles virtuelle Gesprächsrunde Trackback zu Februar 18, 2013 um 22:57

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